Da tut sich was im Rudersport

Noch vor ein paar Jahren habe ich, wenn ich darauf angesprochen wurde, gesagt, dass ich hoffe, dass mir mein geliebter Werkstoff Holz noch mein Berufsleben lang bleiben solle. Mein ganzes berufliches Glück drehte sich um diesen wunderbaren Werkstoff. Dass er so toll ist, finde ich noch immer. Aber mein Herz ist groß und ich lasse immer Platz für das Neue und Fortschrittliche. Ja, ich bin wandelbar und habe den neuen Werkstoffen und Entwicklungen eine faire Chance gegeben. Über dieses Thema habe ich schon einmal geschrieben, als Ruderin.

Im Ruderbootbereich sind die neuen Werkstoffe gar nicht mehr wegzudenken. Kohlefaser oder Carbon, diese Begriffe bekommen die Rudererkinder ja fast schon mit der Muttermilch. Die meisten wissen zwar nicht, was das genau ist, finden es aber einfach mal cool. Ist es ja auch.

Seit ein paar Jahren werden nahezu keine Holzruderboote mehr gebaut, außer natürlich die Firma Stämpfli in Zürich. Dort hatte ich meine bootsbauerischen Anfänge, da fing es an mit mir. Die bauen noch ein paar hübsche Holzeiner pro Jahr und haben eine sehr spezielle Kundschaft.

Stämpfli_Skiff

Aber auch beim traditionelle Rennskiff aus Holz hat sich etwas eingeschlichen, dass die Traditionalisten ins Schwitzen bringt. Es hat sich selbst in dieses Traditionshaus ein moderner Flügelausleger eingeschlichen. Klassik trifft Moderne. Eine schöne Kombination, finde ich. Die Stämpfli-Holzboote sind aber heutzutage die Ausnahme. Auch Stämpfli Racing Boats hat den Sprung ins neue Zeitalter vollzogen. Auch schick, aber anders.

ST1_Skiff

Der Stämpfli ST1 ist ein wahres Meisterstück. Aber beginnen wir doch einmal in den 1950er Jahren. Alfred Stämpfli baute die ersten Ausleger aus Aluminium. Die wurden dann Standard bei den uns bekannten Booten und sind bis dato nicht mehr wegzudenken. Stimmts?

Empacher_ViererDieser Vierer ist auch schon fast ein Klassiker seiner Art. Die Schale aus Epoxy, Verstärkungsmaterialien Kevlar (Aramidfasern) und Carbon (Kohlefaser). Das Boot ist sehr leicht gebaut und äußerst stabil. Wahrscheinlich sind Teile des Innenausbaus noch immer aus Holz. So ganz möchte man wegen der guten Eigenschaften doch nicht auf diesen Werkstoff verzichten.
Was aber interessiert, das sind die Ausleger in Kombination mit diesem System aus Spanten und eingezogenen Decks, die das Verwinden des Bootes verhindern sollen. Die Ausleger sind aus geschweißtem Aluminiumrohr. Alu ist sehr steif und leicht, die Bauart hat sich nicht wesentlich geändert seit den 50ern. Sie haben sich also bewährt.

Nachteil dieser Auslegerart ist, dass die immensen Kräfte, die bei jedem Schlag ihren Weg durch das Boot über die Spanten nehmen müssen, das ganze System weich machen. Natürlich ist das kein Problem für mich, Spanten zu verstärken oder komplett zu erneuern, aber auch das ist hier nicht das Thema.

Im Bereich des Stemmbrettes links, Zugkräfte. Oftmals ist eine Stange zur Verstärkung eingebaut, damit das Boot nicht auseinanderreißt. In der Mitte, beim Hauptspant, drücken sie ganz kräftig den Spant zusammen. Im Bug, beim Rollbahnende treten Druckkräfte auf, das Boot wird beim Einsatz vorn zusammengepresst. Die Druckstreben entlasten so die Zugstreben ein wenig.

Filippi_klassisch

Irgendwann sind die Konstrukteure auf die grandiose Idee gekommen, die Kräfte nicht mehr durch den Bootskörper laufen zu lassen, sondern sie im Ausleger zu belassen. Das war der Beginn des Flügelauslegers.

Salani_Flügel_2-

Die Seitenwände, die sogenannten Waschborde, sind speziell mit Kohlefaser verstärkt und haben stabile Aufnahmen für den Ausleger.

Waschbord

Die Zugkräfte, die im Stemmbrettbereich auftreten, können im Skullboot noch besser gebündelt werden als im Riemenboot.

usa-jw1x-king-michelle-7Alle Kräfte sind beim Skullboot nun auf den Bereich Stemmbrett und Ausleger konzentriert. Das Boot wird weitesgehend verschont und die Kräfte, die der Ruderer aufwendet, werden nicht verschwendet, um Boot und Spanten zu verbiegen.

Ist es denn eigentlich notwendig, die Zugkräfte, die der Ruderer im Stemmbrettbereich aufbringt und das Boot bzw. den Ausleger auseinanderreißen will, zuzulassen? Kann man nicht den Ausleger andersherum bauen? Klar kann man, hat man sich gedacht. So kam es zum Druckausleger.
In der Auslage drückt der Ruderer die Dollenstifte in Richtung Bug, in Fahrtrichtung, dafür hatte man bislang die „Fünfte“ oder Druckstrebe. Beim Druckausleger soll das Ganze natürlich mit größtmöglicher Festigkeit und in sich absolut stabil sein. Die Lösung dafür ist klar, Kohlefaser.

cooles Bild, aber man erkennt nix

ichAlso das ist der Druckausleger aus Kohlefaser. Nachteil ist, dass er sehr empfindlich ist und das Einstellen eher problematisch.

Ausleger einstellenDa sich der Flügel- oder Wingausleger an sich ja bewährt hat, dachte man wieder einen Schritt weiter und kombinierte den Druck- mit dem Wingausleger. Wir sind beim sogenannten Backwing angelangt. Grandios! Ein weiterer Vorteil des Flügels ist, dass er auch bei schwierigen Wasserverhältnissen das Boot ruderbar macht. Kein Zerschellen der Wellen an Auslegern mehr, herrlich.

Den gibt es in unterschiedlichsten Varianten, von Werft zu Werft verschieden. Die Materialien natürlich wieder Kohlefaser oder Alu, je nach gewünschter Preisklasse.

Backwing_AluSehr schick!

Backwing_Hudson

Die Dollenkonstruktion.

Backwing_Hudson_Dolle

Emma Twigg.

Emma-TwiggUnd das alles gibt es nun auch wieder aus Kohlefaser. Die kann man auch wesentlich filigraner und somit windschlüpfriger bauen.

Fluegel_CarbonWorauf läuft das alles hinaus? Alles muss scheinbar so fest wie möglich sein, so steif und leicht, wie es nur irgendwie geht. Jetzt reicht es langsam. Man erzählt, dass Weltklasseruderer sich für das Training außerhalb der Wettkamfzeit herkömmliche Aluminiumausleger nehmen, weil die weicher sind. Geht das alles zu weit mit dem Optimieren? Ist das denn alles noch gesund? Ist das nicht der pure Stress für unsere Körper?

Fakt ist, dass wir bei den Rudern von den härtesten Schäften wieder zurück zu den flexiblen gehen. Unsere C2 Skinnies haben Biegeeigenschaften wie einst die Stämpfli-Holzruder.

Im Hochleistungssport wird das sicher so weitergehen, Hochleistungssport ist nunmal kein Zuckerschlecken, aber der Großteil der Ruderer ist weit von Weltklasseniveau entfernt. Man sollte also bei der Bootswahl und -beurteilung immer nachdenken, was das Ziel ist, das man verfolgt. Schneller oder vielleicht doch „nur“ gesund oder Spaß in der Gemeinschaft haben? Das beste Boot ist also nicht immer das Beste für jeden. Ganz im Gegenteil. Der Ruderanfänger wird in einem Hightechboot keinen Spaß haben.

Ab und zu nehme ich mir meinen Stämpfli Holzeiner, Baujahr 1954, und freue mich, dass da nichts hohl klingt und knallt bei jedem Schlag. Höchstens knarren mal die Spanten, aber das ist das Alter.

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