Mastersrudern. Sinn oder Unsinn?

Manche behaupten Rudern sei ein Sport der Jugend. Also darfst du im Kindes- oder Jugendalter mit dem Rudern beginnen. Du wirst vom Verein nach besten Kräften gefördert. Jugendrudern kostet die Vereine viel Geld, decken doch die Jugendmitgliedsbeiträge so gerade eben die Kosten, wenn überhaupt. Die Jugendförderung ist wichtig, da sind sich alle einig. Finanziert wird das von der Gemeinschaft und das ist gut und richtig.

Danach kommt die nächste Stufe. Du bist nun kein Anfänger mehr sondern vielleicht schon Rennruderer. Das soll ja auch so sein, dafür hat dich der Verein aufgebaut. Was ist, wenn du keine Lust auf Leistungssport hast? Gibt es da einen Platz? Nicht wirklich, nicht in allen Vereinen. Die Jugend soll ja Leistung bringen. Förderung und Geld gibt es nur für Leistung. Merken: Die Jugend muss Leistung bringen.

Wenn du dich für den Leistungssport entschieden hast, ist das gut. Das bringt dem Verein Prestige. Ich höre immer, der Verein definiert sich über die Leistungen, die erbracht wurden, die Titel, die errudert wurden. Es ist immer wichtig, zu zeigen, aufzulisten, wie gut der Verein ist, wie gut der Verein arbeitet. Man braucht schliesslich Sportler, zu denen man aufschauen kann, vor denen die Jugend und natürlich auch die Älteren respekt haben, Respekt vor der Leistung, die sie vollbringen.

Kathi und ich im Zweier ohne

Ein Leistungsruderer kann nicht nur schnell rudern. Ein Rennen in Bestzeit, ja das kann man irgendwie hinbringen, vielleicht, mit ein wenig Glück, die richtige Mannschaft zu haben, einen guten Trainer, Verband, ein gutes Umfeld, koordiniertes Training. Als Leistungsruderer ist man allerdings keine Maschine, programmiert auf irgendeine Höchstleistung. In erster Linie ist der Leistungssportler ein Mensch. Allerdings ist er kein ganz normaler, durchschnittlicher Mensch, sondern er hat ganz besondere Eigenschaften, die ihn zu dem Individuum machen, das in der Lage ist, das Leben so zu führen, dass alles passt, dass am Ende etwas ganz Großes herauskommt.

Er ist ehrgeizig, zielstrebig, konsequent im Handeln, diszipliniert, ganz sicher kein Weichei, er ist verlässlich für seine Mannschaft. Er weiss, was er will und muss auch teilweise egoistisch sein. Dies sind alles Eigenschaften, die in diesem Menschen stecken. Nicht umsonst werden aus Hochleistungssportlern später oft erfolgreiche Menschen im Berufsleben. Die sind so.

Ich bin jetzt etwas abgeschweift vom eigentlichen Thema. Aber nein, nicht wirklich. Ich rede von dem Leistungssportler, der du mittlerweile geworden bist, der sich tagtäglich mehrmals schindet, für den eigenen Erfolg und den Erfolg für Verein und Verband. Irgendwann ist aber jede Ruderkarriere beendet, zumindest die Aktivenzeit. Mit mehr oder weniger Erfolg, das ist aber nicht ganz so wichtig, was zählt, ist das, was du persönlich aus dieser Zeit mitnimmst, was du gelernt hast. Du hast gelernt, dass man sich Dinge erarbeiten kann, dass man mit Zielstrebigkeit etwas erreichen kann, dass das Rennen erts beendet und entschieden ist, wenn die Ziellinie überfahren ist. Viele der oben genannten Eigenschaften sind ja weiterhin in dir, das bist ja DU! Du lebst das!

Und was kommt danach? Du bist Sportler mit Leib und Seele, aber wirklich. Du liebst deinen Sport, Rudern, das kannst du. Du liebst das Training im Boot, das Training, das deinen Körper so formt, wie du es gewohnt bist und wie du es magst.

Euro Masters 2010

So, und was jetzt? Das ist die zentrale Frage.

Hier fängt der Artikel eigentlich erst an. Jetzt bist du , wenn du Glück hast, Mastersruderer. Bist du noch nicht 27 Jahre alt, bist du quasi nicht existent. Benannt wird diese Art Sportler erst wieder ab dem Eintritt ins Mastersalter. Natürlich hat sich die Art der täglichen Herausforderung verändert. Du stehst mitten im Berufsleben, hast vielleicht Familie, Kinder.

Aber die Lust am Rudern, die ist noch immer da. Lust auf schnelleres Rudern, den Kitzel, die Herausforderung des Wettkampfes, sich mit anderen zu messen, sich im Training und im Rennen zu verbessern, an seine persönlichen Grenzen zu gehen. Lust, sich Ziele zu setzen, in der Mannschaft zu sein, EINE Mannschaft zu sein, gemeinsam zu kämpfen. Das steckt einfach in dir.

Nur eines hat sich verändert seit damals. Plötzlich fragen sich manche, was will der denn? Midlife crisis, oder was? Läuft der seinen nicht errungenen Erfolgen nach? Muss der sich was beweisen? Der soll doch lieber altergemäß Sport betreiben, also zum fitbleiben. Du wirst vielleicht sogar belächelt, plötzlich bist du nicht mehr Vorbild sondern Lachnummer. Besondere Eigenschaften eines Sportlers, eines alternden Sportlers? Nein danke. Leistung ist auf einmal nicht mehr gefragt. Ganz im Gegenteil. Wer soll das denn verstehen? Leistung ist also jetzt nicht mehr gefragt. Zum ersten Mal wird genau das Gegenteil von dir erwartet.

Was bleibt dir also übrig, wenn dir dein Platz im Ruderverein nicht eingeräumt wird? Viele wechseln in andere Sportarten, laufen Marathon, gehen Skitouren, fahren Rad oder Mountainbike, machen Krafttraining, gehen Klettern etc. Aber ist das nicht schade, dass diese Sportler dem Verein verloren gehen? Was passiert dann letztendlich? Vielleicht fühlen sie sich in anderen Sportarten viel wohler, dort ist es nicht verpönt Wettkämpfe zu bestreiten, auf welchem Niveau auch immer. Keiner lächelt, wenn du an Volks-, Marathonläufen oder anderen Sportevents teilnimmst. Erfolg ist auch da wieder rein subjektiv, jedem sein Erfolg. Jeder verfolgt sein persönliches Ziel. Jeder bestimmt sein Niveau, auf dem er sich sportlich bewegt.

Rennen rudern

Aber nocheinmal zurück zu dir und deinem Verein. Du tobst dich also auf anderen Spielfeldern außerhalb deines Rudervereins aus. Du bist vielleicht sogar einigermaßen erfolgreich, weil, du kannst ja dafür trainieren, bist es gewohnt hart zu arbeiten, du kannst Leistung bringen und dafür arbeiten. Das steckt ja in dir! Aber ist das nicht schade, dass du das nicht in DEINER Sportart machen kannst? Die Folge ist in vielen Vereinen, dass Ex-Rennruderer wegbleiben, weil sie keinen Sinn mehr in ihrem Rudern sehen, weil sie keinen Platz haben in ihrem Verein.

Ist Rudern ein Sport der Jugend? Nein, ganz sicher nicht. Rudern ist auch keine Sport für Leistungsorientierte, es gibt alle möglichen Stufen. Die Fit-Ruderer, die Gesundheitsruderer, die Naturliebhaber, die Wettkampfsportler, die Geselligen. Jeder muss seinen Platz haben im Verein. Ist das gegeben, ist der Verein gesund.

Sinn oder Unsinn? Das wird jeder anders beantworten. Wichtig ist, dass sich alle gegenseitig respektieren. Jung respektiert Alt und umgekehrt. Früher war nicht alles besser und die von heute haben es auch schwer. Fakt ist, dass junge Sportler von alten erfahrenen Sportlern lernen müssen. Das ist nicht anders, als bei Kindern, die ihre Eltern beobachten, tagtäglich erleben und, ganz unbewusst, das Verhalten der Eltern kopieren, in sich aufnehmen. Alle Generationen unter einem Dach. Da profitieren letztlich alle davon.