„Lohnt sich das überhaupt noch?“ oder „Weitere Geschichten vom Keuner“

Was gibt’s denn schöneres, als Altem und Vergessenem wieder zu neuer Blüte zu verhelfen? Die Holzboote, wunderschön anzusehen aber leider nicht mehr zeitgemäß. Es werden nur noch wenige Boote neu gebaut, deshalb sollte man die alten Schätze gut pflegen und so lange wie möglich erhalten. Da gibt es dann die, die übrig geblieben sind und mehr schlecht als recht behandelt werden in den Vereinen, vielleicht, weil kein Geld da ist, sie zu sanieren oder einfach das Bewusstsein für die alten Werte fehlt. Und dann gibt es die Glückskinder unter den Booten, die wiederentdeckt werden und noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte von den Kennern und Liebhabern weiterbewundert werden dürfen.

Schön für mich, wenn ich diejenige bin, die mitmachen und helfen darf.

Ein solcher Fall ist auch das Holzboot, dessen zweite Geburt ich hier dokumentiere.

Ich war auf der Suche nach einem gebrauchten Holzeiner für einen mehr oder weniger Ruderanfänger. Ein Kunststoffboot neueren Baujahrs hielt ich für nicht passend, ich hielt also Ausschau nach einem Holzskiff. Ganz hinten oben in einer Bootshalle fand ich es also und man musste schon sehr genau hinschauen, um zu erkennen, dass sich das doch noch lohnen konnte. Jetzt gibt es ersteinmal ein paar Impressionen von unserem Objekt. Quasi das Vorher:

Das Boot hat ein wenig an Glanz verloren:
in der Werkstatt

Das Schwert:
noch ganz dicht?

Alter Luftkastenverschluss:
schön!

Dichtmaterial und Kiel, in die Jahre gekommen und unansehnlich:
schiach (wie schreibt man das?)

Ein Spant:
sind eh noch gut, die Spanten

Das Cockpit:
Sissy! (wie sollte es auch anders heißen?)

Natürlich ist auch von meiner Seite ein wenig Liebhaberei im Spiel, wenn ich mich auf ein solches Projekt einlasse.
Bei der Bestandsaufnahme stellte ich fest, dass die Luftkästen und deren Innenausbau in Ordnung waren, lediglich ein paar Verstrebungen mussten befestigt werden, und komplett lackiert. Das Cockpit und sein Unterbau sind für die Statik und Stabilität sehr wichtig und ich entschied, alles zu erneuern. Da, abgesehen von der alten Holzschale, neueste Technik eingebaut werden sollte, musste das Gerüst natürlich stabil sein. Ausserdem ist es für die Optik nett, wenn alles strahlt.

Hier dokumentiere ich meine Arbeit mit ein paar Bildern:

Die schadhaften Teile werden entfernt:
Oh, das tut weh!

Die Unterkonstruktion für das Cockpit wird erneuert:
das macht Spaß

Bankbrett und Waschbord:
schon ganz schön, oder?

Beschichten:
jetzt glänzt es schon

Reinigen für das Finish:
mal wieder Staubwischen (zu Hause, meine ich)

Und die Lackierung:
Ha, Arbeitsschutz!

Mein Kunde, anfänglich etwas skeptisch bezüglich der Kombination von Altem und Neuem, war bei der Auslieferung so begeistert, dass das schon Lohn genug für meine Arbeit war.

Angekommen:
jetzt nur noch die Ausleger dran
Diese Email bekam ich einen Tag später vom begeisterten und stolzen neuen Besitzer:

10.3.2008
Liebe Anja,
musste gestern einfach noch einmal hin, nachsehen, herunterheben, anstaunen Dein Meisterwerk. Entschieden schnell muss er schon vorher gewirkt haben. Der Keuner trägt aber auch etwas von leichter, funktioneller Eleganz in sich, besonders mit seiner im Holz eingeschriebenen Geschichte und seinen Narben, die Du so schön bewahrt und ausgestellt hast. Jeder Millimeter sichtbare, kundige Handarbeit – ein Vergnügen aus jeder Perspektive. Zudem verbinden sich das Alte (der Körper) und das Neue (Ausleger) wunderbar – da habe ich Dir vertraut, aber, ich gebe es zu, gleichzeitig etwas gezweifelt, ob nicht der Vorzug für die Vorteile des Massiven, das alte filigrane Gleichgewicht aushebeln würde. Die Farbe (das gebürstete Metall – ich bin froh, dass es nicht glänzt) gefällt mir übrigens auch sehr gut.
Man hätte das Boot, das nicht für das Museum oder eine Sammlung bestimmt ist, sondern im alltäglichen Gebrauch seine Geschichte fortsetzen soll, meiner Meinung nach, nicht respektvoller, besser und schöner Instand setzen können. In diesem Sinne ist der Keuner nun auch kein reines Schellenbacherboot mehr, sondern ebenso eines der Bootsbaumeisterin – worauf ich stolz bin. Brecht hätte gesagt, Du hast mit Haltung gearbeitet.


Dem ist von meiner Seite nichts mehr hinzuzufügen, außer, dass ich ganz froh bin, dass der „Keuner“ genau den Richtigen gefunden hat und Christian ganz offensichtlich auch. Er hat noch mehr geschrieben. Wirklich nett. Ich sag dann schon mal „Danke“.

1.
Das Holz-Rennskiff wird Ende der 1950er-Jahre von der Linzer Bootswerft Schellenbacher für Marius Mautner-Markhof (LIA) gebaut. Das Boot trägt den Namen „Tietê“, benannt nach dem gleichnamigen Fluss in Brasilien (São Paulo). Über drei Folgebesitzer gelangt das in den letzten Jahren ungenutzt abgelegte Boot im Sommer 2007 zur Bootsbaumeisterin Anja Schäfer-Bongwald. Im Auftrag des zukünftigen Besitzers Christian Dewald

(LIA) wird das Boot im Herbst/Winter 2007/08 generalüberholt. Auslieferung des komplett renovierten Bootes: 8. März 2008; Jungfernfahrt: 10. Mai 2008, Alte Donau. Christian widmet das „zweite Leben“ des nun rund 50 Jahre alten Bootes der Figur „Keuner“ aus Bertolt Brechts „Geschichten vom Herrn Keuner“.

2.
Warum sich „so etwas immer lohnt“ – aus meiner Sicht: für mich als ruderbegeisterter Breitensportler gibt es nichts Schöneres als ein Holz-Skiff. Auf der einen Seite die archaische, einfache, elegante Form.

Auf der anderen das Fahrerlebnis. Schnelligkeit steht nicht an erster Stelle. Selbstbestimmtes, gelassenes, gleichmäßiges Gleiten mit bestmöglicher Rudertechnik, Freude an der Natur, Erhaltung des Körpers/der Gesundheit, Regeneration der Sinne, stehen im Vordergrund und verbinden sich mit einer alten Erinnerung an eine kurze aber unvergessliche Rudersaison als jugendlicher Schüler.

Werftneue Holzrennboote werden kaum noch angeboten und sind (angemessen) teuer. Eine kundige Renovierung macht ein letztlich neuwertig, gebrauchtes Boot leistbar. Bei entsprechender Pflege bereitet ein Holzboot jahrzehntelang Freude. Ist zudem die „Lebensgeschichte“ eines alten Bootes lückenlos nachvollziehbar, kommt ein weiterer Mehrwert hinzu.

neu am „Keuner“:
Aluminiumausleger, Dollen
Rollsitz, Schienen
Stemmbrett, Ruderschuhe
sämtliche Beschläge …
1 Paar Skulls

3.
„Nicht wovon einer überzeugt ist, ist wichtig. Wichtig ist, was seine Überzeugungen aus ihm machen.“ Dieses Was heißt bei Brecht: Haltung. Und sie ist erlernbar. In den „Geschichten vom Herrn Keuner“ von Bertolt Brecht werden Gesten der Armut, der Unwissenheit, der Ohnmacht vorgestellt. Herr Keuner, der ein Prolet ist, steht in scharfem Gegensatz zum Proletarierideal der Menschenfreunde: er handelt nicht als Idealist.

Die Abschaffung des Elends erwartet er nur auf einem einzigen Wege, nämlich durch die Entwicklung einer Haltung des politischen Handelns.

Schriftzug

 

Suhrkamp Taschenbücher
Bertolt Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner